Traktursysteme – neue musikalische Möglichkeiten für die Orgel
Die Traktur einer Orgel ist längst nicht mehr nur die technische Verbindung zwischen Taste und Pfeife. Moderne, frei programmierbare Traktursysteme können zu einem eigenständigen musikalischen Werkzeug werden. Sie erweitern die klanglichen Möglichkeiten eines Instruments, eröffnen neue Formen der Registrierung und schaffen insbesondere für die Improvisation bislang kaum vorstellbare Freiräume.
Dabei entwickeln wir kein feststehendes System, das bei jeder Orgel in gleicher Form eingesetzt wird. Wie das Instrument selbst wird auch das Traktursystem individuell geplant und auf die jeweilige Disposition, die vorhandene Windladenkonstruktion sowie die musikalischen Wünsche der Organistinnen und Organisten abgestimmt.
Die Vielzahl der technischen Möglichkeiten ist für uns kein Selbstzweck. Entscheidend ist, dass die Funktionen musikalisch sinnvoll, zuverlässig und während des Spiels unmittelbar nutzbar sind. Auch ein hochkomplexes Traktursystem muss übersichtlich bedienbar bleiben und darf die Organistin oder den Organisten nicht von der Musik ablenken.
Unsere Traktursysteme werden kontinuierlich weiterentwickelt. Mit jedem neuen Instrument entstehen neue Ideen und zusätzliche Möglichkeiten. Organisten setzen sich intensiv mit den Systemen auseinander, erproben deren Potenzial und formulieren daraus neue Wünsche und Anforderungen. Für uns als Orgelbauer bedeutet dies, diese musikalischen Impulse aufzugreifen und Musikern wie Komponisten das passende Werkzeug für ihre künstlerische Arbeit zu entwickeln und zu fertigen.
verschiedene Traktursysteme im Detail
Düsseldorf-Eller, St. Gertrud – Wissen, Kreuzerhöhung
Frei programmierbare Koppeln
Während klassische Koppeln festgelegte Werke und Tonlagen miteinander verbinden, können mit dem von uns eingesetzten System nahezu beliebige Koppelstrukturen programmiert werden. Neben den üblichen Normal-, Sub- und Superoktavkoppeln sind damit auch frei definierte Intervall- und Aliquotkoppeln möglich.
So kann eine gespielte Taste beispielsweise nicht nur den gleichnamigen Ton eines anderen Werkes auslösen, sondern zusätzlich eine Quinte, Terz, Septime oder ein anderes frei gewähltes Intervall. Die Koppel ist dabei nicht auf eine bestimmte historische oder konstruktive Vorgabe beschränkt, sondern kann entsprechend der jeweiligen musikalischen Idee eingerichtet werden.
Noch weiter gehen die sogenannten Akkordkoppeln. Hier löst ein gespielter Ton nicht nur einen weiteren Einzelton, sondern einen zuvor festgelegten Akkord aus. Die Zusammensetzung dieses Akkordes kann frei programmiert und auf die jeweilige Improvisation abgestimmt werden. Auf diese Weise entstehen zusätzliche harmonische Ebenen, die sich unmittelbar und intuitiv in das Spiel einbeziehen lassen.
Mixturen-Setzer
Eine weitere Besonderheit der Orgeln in Wissen und Düsseldorf-Eller ist der speziell entwickelte Mixturensetzer. Beide Instrumente verfügen selbstverständlich über fest disponierte Mixturen, deren Zusammensetzung und Repetitionsverlauf klanglich auf das jeweilige Orgelwerk abgestimmt sind.
Darüber hinaus ermöglicht der Mixturensetzer, eigene Mixturen zusammenzustellen. Grundlage hierfür sind Einzeltonwindladen, durch die die einzelnen Chöre unabhängig voneinander angesteuert werden können. Die Organistin oder der Organist entscheidet somit selbst, welche Pfeifenreihen an der gewünschten Mixtur beteiligt sein sollen.
Auch die Repetitionspunkte können individuell festgelegt werden. Damit lässt sich bestimmen, an welchen Stellen innerhalb des Tonumfangs ein Chor in eine tiefere Lage zurückspringt. Nicht nur die Anzahl und Tonhöhe der beteiligten Chöre, sondern auch der gesamte klangliche Aufbau der Mixtur können somit gezielt gestaltet werden.
Auf diese Weise lassen sich sehr unterschiedliche Klangbilder entwickeln: von einer tief liegenden, gravitätischen Mixtur über eine klar zeichnende Klangkrone bis zu hochliegenden, besonders brillanten oder bewusst experimentellen Zusammenstellungen. Ebenso besteht die Möglichkeit, die Struktur einer Mixtur aus einer bestimmten historischen Epoche oder Orgellandschaft gezielt nachzubilden.
Der Mixturensetzer macht die Mixtur damit von einem feststehenden Register zu einem variablen musikalischen Gestaltungsmittel. Gleichzeitig bleiben die regulär disponierten Mixturen des Instruments unverändert erhalten und stehen jederzeit in ihrer von uns intonierten Form zur Verfügung.
Tastenfesseln zum Festhalten ausgewählter Töne, regelbare Winddrosseln zur gezielten Veränderung der Windversorgung, frei zuweisbare Werke – sogenannte „Floating Divisions“ – oder ein geteiltes Pedal gehören bei anspruchsvollen Traktursystemen heute vielfach bereits zum Funktionsumfang.
Diese Möglichkeiten erweitern die traditionelle Spielweise erheblich. Werke oder einzelne Klangbereiche lassen sich unabhängig von ihrer klassischen Zuordnung auf unterschiedlichen Klaviaturen spielen. Das Pedal kann an einem frei gewählten Punkt geteilt und mit unterschiedlichen Klangfarben belegt werden. Gleichzeitig ermöglichen Winddrosseln eine unmittelbare Einflussnahme auf die Ansprache und den Charakter des Orgelklangs. Die Traktursysteme in Wissen und Düsseldorf-Eller gehen jedoch noch deutlich darüber hinaus.
Separat ansteuerbare Register für Akkordkoppeln
Für die Akkordkoppeln wurden in Wissen und Düsseldorf-Eller gezielt ausgewählte Register technisch separiert und zusätzlich über dem III. Manual angeordnet. Diese Register können unabhängig von ihrer regulären Werkzuordnung programmiert und anschließend dem gewünschten Manualwerk additiv hinzugekoppelt werden.
Die normale Registrierung der Orgel bleibt dabei bestehen. Die über die Akkordkoppel angesteuerten Klangfarben treten als zusätzliche Ebene hinzu. Dadurch können beispielsweise gehaltene Akkorde, harmonische Klangflächen oder rhythmisch und melodisch strukturierte Begleitmodelle erzeugt werden, ohne dass die eigentliche Registrierung verändert werden muss.
Gerade für die Improvisation eröffnet diese Technik außergewöhnliche Möglichkeiten. Die separat ansteuerbaren Register können immer wieder neu kombiniert, unterschiedlich programmiert und je nach musikalischer Situation einem anderen Werk zugeordnet werden. Das Traktursystem wird damit selbst zu einem gestaltbaren Bestandteil der Komposition.
Loop-Generator und weitere kreative Funktionen
Darüber hinaus verfügt das Traktursystem über einen mehrspurigen Loop-Generator. Mit ihm lassen sich kurze musikalische Abläufe aufnehmen, unmittelbar wiederholen und auf mehreren voneinander unabhängigen Spuren übereinanderschichten. So können beispielsweise rhythmische Figuren, Ostinati, Begleitmodelle oder harmonische Klangflächen aufgebaut und anschließend in das weitere Spiel einbezogen werden. Die Bedienung ist bewusst intuitiv gestaltet, sodass sich musikalische Ideen spontan umsetzen lassen und der Loop-Generator unmittelbar zum Experimentieren und Improvisieren einlädt.
Zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten bieten die Funktionen „Puls“, „Delay“ und „Staccato“. Mit der Puls-Funktion können gehaltene Töne oder Akkorde in regelmäßig wiederkehrende Klangimpulse umgewandelt werden. Je nach Einstellung entstehen langsame, flächige Bewegungen oder prägnante rhythmische Strukturen. Auf diese Weise kann ein statischer Klang in Bewegung versetzt und als eigenständige rhythmische Ebene in eine Improvisation eingebunden werden.
Die Delay-Funktion löst einen Ton oder eine zuvor definierte Klanggruppe zeitlich versetzt aus. Dadurch lassen sich Echoeffekte, kanonartige Abläufe und mehrschichtige Klangverläufe erzeugen. Besonders in Verbindung mit unterschiedlichen Werken, Registern oder Intervallen können aus einem einzelnen Spielimpuls komplexe musikalische Strukturen entstehen.
Mit der Staccato-Funktion wird die Dauer eines ausgelösten Tons unabhängig davon begrenzt, wie lange die Taste gehalten wird. So entstehen kurze, klar voneinander getrennte Klangimpulse. Diese Funktion eignet sich insbesondere für rhythmische Figuren, wiederkehrende Begleitmuster und präzise artikulierte Klangfolgen.
Zülpich, St. Peter
Im Zuge einer umfassenden Reorganisation der Orgel wurde auch ein neuer elektrischer Spieltisch konzipiert. Aufgabe war, den Spieltisch in seiner Grunderscheinung möglichst einfach und so auch für jedermann direkt verständlich bedienbar zu halten. Die vielfältigen Funktionen wurden daher bis auf wenige Ausnahmen über ein Touch-Display zur Verfügung gestellt.
Frei programmierbare Koppeln oder andere Sonderfunktionen können auf 5 verschiedene Registerwippen mit einem selbst zu beschriftenen Display gelegt werden. So können diese Funktionen auch in der Improvisation einfach genutzt werden.
Hier finden Sie eine nähere Beschreibung der Möglichkeiten dieses Traktursystems.
Kyoto, Doshisha Junior / Senior High School
Bei der Orgel in Kyoto handelt es sich um ein Instrument mit mechanischer Spiel- und elektrischer Registertraktur. Trotzdem besitzt sie zwei elektrisch gesteuerte Intervall-Koppeln (Manual III und Pedal). Über eine, in Form einer Klaviatur dargestellten, Druckknopfreihe ist es möglich, die Intervalle oder auch die entsprechende Mixtur-Zusammenstellung im Direktzugriff anzuwählen. So ist diese Funktion auch sehr gut für die Improvisation zu nutzen.
Aber auch Schlagwerke wie ein Carillon oder ein Marimbaphon sowie andere Zusätze können durch ein über ein Touchdisplay zu bedienendes Traktursystem den Manualen zugeordnet werden. Hinzu kommen weitere Möglichkeiten wie zum Beispiel eine Loop-Funktion oder auch eine Windabschwächung über einen Balanciertritt.









