— Orgelneubau unter Wiederverwendung des historischen Orgelgehäuses —

 

Die Pfarrkirche Kreuzerhöhung in Wissen geht in ihren Ursprüngen auf die Zeit um das Jahr 1000 zurück. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1788 wurde sie ab 1804 neu errichtet. Die Gemeinde erwarb eine 1793 von Christian Kleine erbautes Orgelwerk mit 8 Registern aus der Franziskanerkirche Attendorn. Diese vereinigte Orgelbauer Loos aus Siegen 1849 mit der ehemaligen Wetzlarer Domorgel zu einem Instrument mit 29 Registern auf zwei Manualen.

Bei der Kirchenerweiterung von 1912 bis 1914 gab Architekt Mathar dem Gotteshaus seinen kreuzförmigen Grundriss. Unter Berücksichtigung der barocken Ausstattung gestaltete er den Innenraum hell und weiträumig. In diesem Zusammenhang baute Orgelbauer Fabricius aus Kaiserswerth die Orgel 1912 um. Dabei wurden das Gehäuse vergrößert und die mechanische Traktur durch ein pneumatisches System ersetzt.

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg war das System so störanfällig, dass 1963 Verhandlungen über den Neubau einer Orgel aufgenommen wurden.

 

Die Fresken der Kreuzerhöhungskirche wurden von 1928 bis 1931 durch den Freskenmaler Peter Hecker ausgearbeitet und gelten als sein umfangreichstes und geschlossenstes Werk. Hecker orientierte sich konzeptionell an der Architektur Mathars: Die Flachdecke im Langhaus gestaltete er mit Szenen aus der Genesis, die Innenseite der Kuppel mit Szenen aus der Passion Christi und das Rundgewölbe des Chores mit Szenen der Verherrlichung Gottes. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigten Fresken restaurierte Hecker 1953 noch selbst.

1973 stellte Franz Breil die ursprünglichen Ausmaße des spätbarocken Orgelgehäuses wieder her und errichtete unter Einbeziehung historischer Register ein neues Orgelwerk mit 32 Registern auf drei Manualen und Pedal. Hinzu kam ein Rückpositiv in der Emporenbrüstung.

 

Situation 1973

Situation 1973

Bei dem Brandanschlag am 10. Februar 2023 wurden der barocke Hochaltar zerstört und Teile der Deckenfresken von Peter Hecker erheblich beschädigt. Die Kirche und die beschädigten Fresken wurden anschließend restauriert. An der Orgel hatten die schweren Hitzeschäden das Pfeifenwerk und die technische Anlage unbrauchbar gemacht, sodass eine vollständige Erneuerung erforderlich war. Das erhaltene historische Gehäuse bildete dabei den Ausgangspunkt für ein neues klangliches und technisches Konzept.

 

Ein neues Orgelwerk im historischen Gehäuse

Mit der Orgelweihe am 4. Oktober 2026 wurde der Neubau der Orgel in der Pfarrkirche Kreuzerhöhung in Wissen abgeschlossen. Im erhaltenen historischen Gehäuse entstand ein vollständig neues Instrument, dessen klangliche und technische Konzeption eigens auf den Kirchenraum sowie die liturgischen und musikalischen Aufgaben abgestimmt wurde.

Der historische Orgelprospekt wurde restauriert, während das durch den Kirchenbrand unbrauchbar gewordene Pfeifenwerk und die technische Anlage vollständig erneuert wurden. Das nachträglich ergänzte Rückpositivgehäuse wurde entfernt und das Positiv in das Hauptgehäuse integriert. Den zusätzlich benötigten Raum schufen wir hinter dem historischen Gehäuse. So verbindet sich die bewahrte historische Gestalt mit einem eigenständigen neuen Orgelwerk.

 

 

Klangvielfalt für Gottesdienst und Konzert

Das Hauptwerk bildet mit seiner Klarheit, Präsenz und Tragfähigkeit das klangliche Fundament der Orgel. Das schwellbare Positiv ergänzt diese Grundlage um fein abgestufte, eigenständige Klangfarben. Das große, französisch-romantisch geprägte Schwellwerk bereichert das Instrument um warme Streicher, charakteristische Flöten und kraftvolle Zungenstimmen.

Mit dem Positiv und dem Schwellwerk verfügt die Orgel über zwei schwellbare Manualwerke. Sie ermöglichen besonders feine dynamische Abstufungen und fließende Übergänge zwischen unterschiedlichen Klangfarben. Das Ausdrucksspektrum reicht vom zarten Pianissimo bis zum kraftvollen Gesamtklang. Im Mittelpunkt steht die musikalische Gestaltung der Gottesdienste mit einer tragfähigen Begleitung des Gemeindegesangs. Zugleich bietet die Orgel vielfältige Möglichkeiten für die Interpretation von Orgelliteratur – von barocker Polyphonie über romantische und symphonische Werke bis zur zeitgenössischen Musik.

 

 

Neue Möglichkeiten der musikalischen Gestaltung

Das moderne Traktursystem eröffnet zusätzliche Freiräume für Literaturspiel, Improvisation und Komposition. Neben einer umfangreichen Setzeranlage und einer Aufnahme- und Wiedergabefunktion verfügt die Orgel über einen mehrspurigen Loop-Generator. Mit ihm lassen sich musikalische Figuren aufnehmen, wiederholen und auf mehreren Spuren übereinanderschichten. So entstehen beispielsweise Ostinati, rhythmische Begleitmodelle oder harmonische Klangflächen, die unmittelbar in das weitere Spiel einbezogen werden können.

Eine besondere Entwicklung ist der Akkordsetzer. Mit ihm lassen sich ausgewählte Register zusätzlich einer oder mehreren Klaviaturen zuordnen und mit zuvor festgelegten Akkorden verknüpfen. Beim Spielen eines einzelnen Tons erklingt zu diesem der eingestellte Akkord. Diese Funktion steht über den gesamten Klaviaturumfang zur Verfügung und eröffnet vielfältige Möglichkeiten für individuelle harmonische Gestaltungen.

Der Mixturensetzer ermöglicht es, zusätzlich zu den fest disponierten und intonierten Mixturen eigene Klangkronen zusammenzustellen. Sowohl die Zusammensetzung der einzelnen Chöre als auch ihre Repetitionspunkte lassen sich frei bestimmen. Dadurch können die Strukturen historischer Mixturen als Vorbild dienen oder neue, experimentelle Zusammenstellungen entstehen.

Alle Klänge werden dabei durch reale Orgelpfeifen erzeugt. Die moderne Steuerungstechnik erweitert die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments und gibt Organistinnen und Organisten zusätzliche Werkzeuge für ihre musikalischen Ideen. Historisches Gehäuse, traditioneller Pfeifenorgelbau und zeitgemäße Spielmöglichkeiten verbinden sich so zu einer Orgel, die das gottesdienstliche und konzertante Leben in Wissen bereichert.

 

 

einige Impressionen aus der Bauphase